Franz Gertsch | Arbeiten auf Papier

Franz Gertsch (*1930) verfügte schon früh über wahres Talent und feine Ausdrucksmöglichkeiten. Dass er ebenso präzise wie sensibel zeichnen, malen und holzschneiden konnte, bezeugen beispielhaft etwa die (hier nicht gezeigten) drei Ausfertigungen – Bleistiftzeichnung, Gemälde, Holzschnitt – des Mädchenbildnisses (Denise) von 1951. Die aus den Beständen des Künstlers nun versammelten Zeichnungen überraschen umso mehr. Im Offenen und zugleich Verstörten kommt eine noch ungewohnte Seite Franz Gertschs zum Vorschein.

Die Zeichnung erscheint nicht als Medium der Abgrenzung oder Inbesitznahme, sondern als Mittel der Annäherung und der Darstellung des noch nicht Leibhaftigen. Man hat es zwar mit einer linearen „Schrift“ zu tun, wie schon früher in den 50er Jahren, jedoch wird dabei auf Stilisierung und Gestaltung weitgehend verzichtet.

Die Art ist offen, weiträumig, zweidimensional. Vieles lässt ahnen, dass Gertsch mit freier Hand nur kurze Notizen aufgenommen hat, um noch ohne „Tonart“ auf eine Fläche hinzuweisen, einen Umriss anzudeuten, eine im Werden sich befindende Bildidee zu umkreisen. Der Maler scheint noch weit von der Bildverwirklichung entfernt zu sein.

Hier ist der Bleistift silbrig, gewichtslos und verhalten; da wirkt der Duktus ruhelos, skizzenhaft, gar flüchtig; dort zeigt sich die Tusche der Pinselzeichnung robust und etwas expressionistisch. Stilistisch sind die Blätter nicht alle gleich, sie stammen aus verschiedenen Zeiten, auch wenn sie meist schwer datierbar sind. Man ist aber geneigt, sie als Aussagen aus der Endphase der existentiellen Not und Schaffenskrise, die der Künstler zwischen 1956 und 1962 durchlebt, anzusehen.

Die hier zum ersten Mal ausgestellten Arbeiten auf Papier gehen eigenständig und fesselnd über ein gewöhnliches Jugendwerk hinaus. Sie mögen einen Einblick in die damalige „Werkstatt“ und den Gedankenbereich des Künstlers vermitteln. Die thematische Auswahl soll zeigen, wie Franz Gertsch bei all der Ungeschliffenheit die Formgebung immer wieder aufnimmt und präzisiert, das Erreichte also nie so leicht hinnimmt.

Wie ein Chronist von vergangenen Zeiten bewegt er sich fast romantisch in einer Welt der Sagen und Märchen. Dabei haben literarische Texte sein Vorstellungsvermögen genährt, wie Die Gründung Burgdorfs oder Die beiden Brüder Sintram und Bertram von Jeremias Gotthelf (1797–1854), aber auch zeitgenössische Filme, wie La belle et la bête (1945), Orphée (1950) und Le testament d’Orphée (1959) von Jean Cocteau (1889–1963).

Erst später wird Franz Gertsch souverän den Weg aus einer gewissen Weltfremdheit in die dem Kunstkenner bekannte Verinnerlichung der anspruchsvollen sachlichen Wirklichkeit finden.

[rmm]

Franz Gertsch | Arbeiten auf Papier