• Eigenleben der Farbe. Farbproben zur Druckgraphik von Franz Gertsch
    Foto: Alistair Overbruck

Eigenleben der Farbe | Farbproben zur Druckgraphik von Franz Gertsch

Die wunderbaren, oft großen, farbigen druckgraphischen Blätter von Franz Gertsch entstehen nach längeren Vorarbeiten. Darunter die bedachte Wahl und das gekonnte Mischen der Druckfarbe, die das auf der Holzplatte einkodierte Bild auf dem Papier erst sichtbar zutage bringen wird.

Dieser Vorgang erfordert vom Künstler Eingebung, Vorstellungsvermögen und technisches Können. Die Bestimmung der Farbe und der Farbwerte bleibt nicht etwa geschmäcklerischer Eigenwilligkeit überlassen, sondern Franz Gertsch wägt die Bedeutung der einzelnen Farbtöne gegeneinander ab und folgt entweder dem Farbkreis oder anderen chromatischen Absichten.

 

Der Künstler bereitet seine Farben aus reinem Pigmentpulver zu, das er sich in Kyoto oder bei Dr. Georg Kremer in Aichstätten (Allgäu) beschafft hat und nach Farbtönen abgestuft in Gläsern auf einem Regal in seiner Druckwerkstatt aufreiht, wobei Lapislazuli alles überstrahlt. Zum Anmischen verwendet er als Farbträger ein transparentes Ölbindemittel (Transparentweiß auf Öllackbasis).

Bevor Nik Hausmann, Drucker und Lithograph aus dem jurassischen Séprais, der seit Jahren mit Franz Gertschs Holzschnitten vertraut ist, an das lange langsame Einfärben oder Einwalzen der Oberfläche der Holzplatte geht, die auf zwei Böcken mitten in seinem weiträumigen Berner Atelier waagrecht ruht, werden jeweils Farbproben auf dem selben für das Drucken des Bildes vorgesehenen Japanpapier abgezogen. Diese Proben erlauben, obwohl auf kleinem Format, abzuschätzen, wie das endgültige Blatt vermutlich werden wird.

Am Rande des kleinen Blattes bringt Maria, die Gattin des Künstlers, mit dem Bleistift oft Anmerkungen und andere Beschriftungen an, wie z.B. "2 – am ähnlichsten – Blau stimmt – nicht". Solches wird etwas später von Maria Gertsch im „Werkbüchlein“, in dem sie viele praktische Angaben, etwa über die Zusammensetzung der Farben, festhält, beim Eintragen der Druckprozedur noch berücksichtigt.

Die hier an die Wand gebrachten Blätter gehören zu vier Folgen. Zunächst sind es die siebzehn Abdrucke einer ungravierten Platte mit 1994 in Kyoto erworbenen Pigmenten, die dem Farbkreis nachgehen – am Wendepunkt das Kuro-Schwarz! – und sehr einfach das Lied einer hoch empfindsamen, bildlosen und autonomen Monochromie vortragen. Die drei anderen Folgen von Farbproben gehören zum Werkkomplex Rehau • Ausblick Franz Gertsch und bestehen aus Pestwurz (2004–2005), Waldweg (2005–2006) und Gräser (2006–2007). Hier handelt es sich um Ausschnittsabzüge der fertig geschnittenen Monumentalholzschnitte und man erkennt leicht die graphische Eigenart der drei jeweiligen Bildmotive.

Diese Farbproben gewähren vor allen Dingen einen ersten Zugang dazu, das „realistische“ Bild als ungegenständlichen Farb- und Raumträger zu sehen, was bei den Holzschnitten Franz Gertschs maßgebend ist. Bei dem unübertrefflichen Farbmischer macht man also die Erfahrung, daß es ein wahres Eigenleben der Farbe gibt, das in seiner „Abstraktheit“ alles überflügelt. Die Folge von Probedrucken ein und desselben Motivs in verschiedenen „Tonarten“ hat einen entscheidenden Einfluß auf die Wahrnehmung des Werks durch den Betrachter: man kann dies gut hier im Kleinen nachvollziehen, wenn man beispielsweise vom hellen Grün-Abdruck zur nachtblauen Version von Gräser übergeht.

Franz Gertsch erläutert: "Die Absicht bei den Holzschnitten war von Anfang an, mir einen alten Traum zu erfüllen – den von einem monochrom realistischen Bild. (…) Die Farbe, die von der unbearbeiteten Fläche abgerieben wird, „macht“ das Bild. Meine Farbstimmungen sind überhaupt nicht naturalistisch oder atmosphärisch gemeint und nicht Ausdruck einer bestimmten Tageszeit. (…) Das Bild entsteht aus der klaren Balance zwischen der einen Farbe und dem Papier. Dominique war für mich von großer Bedeutung, weil hier die landschaftliche Auffassung des Porträts, die reine Idee des Holzschnitts und das Einbetten in einen monochromen Farbraum erstmals zusammengekommen waren."

[rmm]

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