• Ausstellungsansicht, Heinz Egger

Heinz Egger. Mein lautloses Getriebe

Jeden Morgen, wenn Heinz Egger das Atelier betritt, wendet er sich seinem Tagebuch zu. Das Datum wird gestempelt, einige Eindrücke werden mit Bleistift notiert. Es können Bemerkungen zum Wetter oder zur Tagesform sein, aber auch Zitate, Gedanken, Beobachtungen. Eine Zeichnung mit Bleistift oder Kohle, eine Pinselskizze kommt hinzu. Etwas wird eingeklebt. So verfährt Egger seit Jahren. Die Tagebücher dienen ihm als Kosmos seiner Vergangenheit und Gedankenwelt, sind aber auch Fundus für die Gegenwart und die Zukunft. In der Kabinettausstellung erlaubt der Künstler uns einen ausführlichen Blick in diese morgendlichen Notizen.

Rund um die lange Reihe dieser vierundzwanzig Bände aus den vergangenen vierundzwanzig Jahren (1989–2012) sind aktuelle Ölgemälde und Tiefdrucke komponiert, die einen Eindruck von der leisen – aber den Besucher nie kaltlassenden – Bildwelt Eggers ermöglichen und aufzeigen, welchen Weg ein Werk von einer Skizze aus nehmen könnte. Die Landschaften und Räume Heinz Eggers erschliessen sich meist nicht auf den ersten Blick. Man muss in die stillen Farbflächen und Pinselstriche eintauchen um dann allmählich eine mögliche Darstellung zu erkennen – manches bleibt auch offen, ist nicht genau zu entziffern. Aus der Ruhe schält sich bei der Betrachtung durchaus auch Dramatisches hervor. Eggers Arbeiten basieren oft auf einem kleinen „unbewachten“ kreativen Moment, dessen Emotionalität dann aber bei der Ausführung vom Künstler ins Geistige übertragen wird. Dem unbewussten Anfang im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit folgt eine Entwicklung in vielen malerischen Schichten, deren Schlusspunkt vom Künstler kontrolliert wird. Bei der Reihe von Zustandsdrucken seiner Pinselätzungen lässt der Künstler jedoch auch den Zufall mit ins Spiel kommen.

Heinz Egger (*1937) erhielt seine Ausbildung an den Hochschulen für Gestaltung Bern und Basel und an der Universität Bern und blickt auf eine lange Lehr- und Ausstellungstätigkeit (u.a. in der Kunsthalle Bern und im Kunstmuseum Solothurn) zurück. Sein künstlerisches Schaffen – genährt auch aus einer breiten Kenntnis der Literatur und Musik – ist weit gefächert und erstreckt sich über Malerei, Zeichnung und Druckgrafik bis hin zum Bühnenbild. Seit über fünfundzwanzig Jahren arbeitet er mit dem Schriftsteller Klaus Merz an Büchern und literarischen Publikationen zusammen. Der Künstler lebt und arbeitet in Burgdorf.

Der vielseitig begabte Maler und Zeichner Heinz Egger genoss nicht nur eine künstlerische sondern auch eine musikalische Ausbildung. Literarisch schlägt sein Herz (abgesehen von Klaus Merz) für Robert Walser, Thomas Bernhard, Gottfried Benn, Friedrich Hölderlin, Fernando Pessoa, W. G. Sebald u.v.a. Die beiden benachbarten Disziplinen Musik und Literatur schwingen durch Eggers bildnerisches Werk, das ohne sie kaum denkbar wäre. Ebenso findet das politische Geschehen – sei es das aktuelle oder Revolutionen und Kriege vergangener Tage – Eingang in seine Arbeit.

Inhaltlich kreisen Eggers Werke um Fragen der Erinnerung und Kindheit, Melancholie und Vergänglichkeit, Schönheit, um existentielle Bedrohungen und Abgründe, Gegensätze wie Licht und Schatten, Anziehung und Abstossung, aber auch um Erotik. In einem Interview mit Sabine Arlitt sagt er: „Für mich ist Malerei ohne Inhalt und Emotionen nicht denkbar. Meine Bildsprache dient als Transfer von unterschiedlichen Erfahrungen. Der Mensch muss stets spürbar, er muss immer erahnbar sein. Die Autonomie von Farbe und Form befriedigt mich nicht.“ (2006)

Zur Ausstellung erscheint eine Edition, die im Museumsshop erhältlich ist.

Heinz Egger
Sommerwind, 2012
Aquatinta-Direktätzung auf Zerkall Büttenpapier
Bildmass 14.5 x 20.5 cm / Blattmass 39 x 31.5 cm
vorne unten links mit Bleistift nummeriert, rechts signiert und datiert
Auflage von 20 Ex.
Kabinettedition Museum Franz Gertsch, Burgdorf, 2012
gedruckt v. Michèle Dillier u. Romain Crelier, Atelier de Gravure, Moutier
© Heinz Egger
CHF 350.-

Heinz Egger. Mein lautloses Getriebe

Zu Beginn des neuen Jahres eröffnet das Museum Franz Gertsch im Kabinett eine wohlkomponierte Ausstellung mit Werken des Berner Künstlers Heinz Egger. Neue Gemälde und Einblicke in sein druckgrafisches Schaffen werden mit der erstmaligen Präsentation aller Original-Tagebücher des Künstlers aus den letzten vierundzwanzig Jahren kombiniert.